Mit Bildung gegen Gewalt
Deutschland–Brasilien, das wäre das Traumfinale der Frauen WM gewesen“, sagt Giovane Elber und die Augen des 38-jährigen Brasilianers strahlen trotz allen Bedauerns über das frühe Ausscheiden der beiden Top-Favoriten. Denn wenn der ehemalige Bundesliga-Torjäger auch seine eigenen Stollenschuhe im November 2006 an den Nagel gehängt hat und heute Rinder züchtet, bleibt er dem Fußball treu. „Bundespräsident Christian Wulff hat mich fürs Endspiel der Frauen-Fußball-WM nach Frankfurt eingeladen, da wäre ich schon gern dabei gewesen“.
Giovane Elber, der selbst zwar nur 15 Spiele im brasilianischen Nationaltrikot absolviert, aber in dieser Zeit immerhin sieben Tore erzielt hat, ist in Deutschland immer noch ein großer Name. Er war der Zauberfußballer, der gemeinsam mit Krassimir Balakov und Fredi Bobic als das „magische Trio“ in die Annalen des VfB Stuttgart einging. Auch nach seinem Wechsel zum FC Bayern gehörte Elber zu den Publikumslieblingen. „Ball flach halten, nicht arrogant sein und immer nur die Leistung sprechen lassen“, lautete schon immer seine Devise.
Elber ist nicht abgehoben und nutzt die vielen Sympathien der deutschen Fans für seine Herzensangelegenheit, den „Verein zur Förderung brasilianischer Straßenkinder e.V.“ In Londrina, seinem Heimatort, hat der ehemalige Fußball-Profi ein stetig wachsendes Hilfsprojekt für die Ärmsten der Armen der Stadt gegründet. „An die 400 Kinder und Jugendliche werden derzeit von uns betreut“, erklärt Elber sein Projekt. „In den Favelas haben wir eine Schule für 7- bis 13-Jährige gebaut und den völlig maroden Kleinkindergarten ‚Casa de Cominho‘ komplett saniert. Eine zweite Schule, an der Jugendliche ab 14 Jahren unterrichtet werden, haben wir mitten in der Stadt errichtet“, berichtet er stolz. Für die Menschen dort ist Giovane nicht der einstige Starkicker, für sie ist er einfach nur der „Engel von Londrina“. Ohne ihn sähe die Zukunft der Favela-Kids düster aus: Alkohol, Drogen, Gewalt, ein brutaler Kampf ums tägliche Überleben. „Aber durch Bildung geben wir den Kindern die Chance auf eine menschenwürdige Zukunft“, hoffen Elber und seine Mitstreiter. Neben gesundem Essen, medizinischer Hilfe und schulischer Ausbildung, erhalten die Kinder zusätzlich Unterricht in Musik, dem brasilianischen Kampf-Tanz Capoeira, in Handarbeiten, Informatik und Sport. Die Jugendlichen erhalten berufsvorbereitende Kurse, lernen Computer zu reparieren, werden geschult in Friseurtätigkeiten, Maniküre sowie Pediküre und bekommen Hilfe bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.
Nachbarschaftshilfe der besonderen Art
Was einmal entstehen könnte, ahnte niemand an dem Tag im Sommer 1994, als der Neuzugang des VfB Stuttgart, Giovane Elber, allein in seinem möblierten Zimmer im schwäbischen Winterbach saß, und es plötzlich an sein Fenster klopfte. Ein ihm bis dahin unbekannter Nachbar feierte seinen Geburtstag und überredete den jungen Kicker, sich der Gesellschaft anzuschließen. Etliche Viertele später hielt der Brasilianer 1.300 Mark in den Händen, die die Geburtstagsgäste spontan gespendet hatten, als Elber bestätigte, was sie als Gerücht gehört hatten: Immer wenn Elber nach Hause flog, kaufte er von seinem Geld Nahrungsmittel, die er in den Elendsvierteln seiner Heimatstadt verteilte. „Leute aus Londrina wissen, woher sie herkommen. Geld ist schön und gut, spielt aber nicht die größte Rolle“, begründete er sein Engagement. Er jedenfalls nahm sein Geld, um diejenigen zu unterstützen, denen es wesentlich schlechter ging als ihm. Es dauerte nicht lange, da hatten Elbers neue Freunde weitere 5.000 Mark gesammelt und überraschten ihn zusätzlich mit einer Idee für ein konkretes Hilfsprojekt - mit ihm als Zugpferd an der Spitze.
Dafür sollte er als Vorsitzender des Giovane-Elber-Hilfsvereins zur Verfügung stehen. „Eine Wahnsinnsidee, denn damals hatte ich überhaupt keine Ahnung, was so ein Vorsitzender ist und tut. Als sie mit diesem Vorhaben zu mir kamen, lag ich mit gebrochenem Bein im Krankenhaus und muss noch in Vollnarkose gewesen sein“, erzählt Elber noch heute lachend. Dennoch willigte er ein, denn der Nachbar, Ideengeber und inzwischen väterliche Freund Richard Schrade versprach ihm jegliche Unterstützung. Gemeinsam haben die beiden mit unzähligen Helfern inzwischen mehr als eine dreiviertel Million Euro aufgetrieben, zusätzlich einen Daimler Transporter und weitere Sachspenden u.a. der Telekom in Höhe von mehr als 200.000 Euro erhalten. Um eine stetige Einnahmequelle zu haben, stellt der Verein prominent besetzte Benefiz-Galas- sowie Konzerte oder Kunstversteigerungen auf die Beine, vertreibt einen jährlichen Kinderkalender und organisiert regelmäßige Benefiz-Fußballspiele. Wenn für die Kinder aus Londrina gekickt wird, fliegt nicht nur Giovane Elber extra dafür ein. Selbstverständlich aktiviert der ehemalige Fußball-Profi jedes Mal viele seiner früheren Teamkollegen und Wertgefährten für den guten Zweck. Oftmals dabei sind die Weltmeister Hansi Müller, Guido Buchwald oder aber auch der österreichische Ex-Kölner Toni Polster. Giovane Elber hat neben den Fußballern auch andere Mitstreiter gewinnen können. Auch die engagierte Musikerin Katja Ebstein weiß Elber ebenso an seiner Seite wie die kirchliche Organisation „Don Bosco Jugend für die Dritte Welt“. Schon zur Männer-Fußball-WM in Südafrika unterstützte Elber die von Don Bosco dort ins Leben gerufene Straßenkinderprojekte. Zum Dank unterstützt Don Bosco umgekehrt Elbers eigenes Hilfswerk bis zur WM in Brasilien 2014. „Heute bin ich froh, dass wir trotz meiner Skepsis diesen Schritt gewagt haben“, gesteht der Brasilianer. „Das Hilfsprojekt ist mein Baby, das ständig wächst.“ Seit Bestehen des Vereins ist nicht ein einziger gespendeter Cent in die Verwaltung geflossen, denn die Vorstandsmitglieder tragen alle entstehenden Kosten selbst. Sie wollen die Spenden in voller Höhe denen zukommen lassen, die es nötig haben. Nachdem Elber seine Profikarriere bei den Bayern beendet hat und seither selbst wieder in Londrina lebt, überwacht er persönlich, dass jeder gespendete Cent zu hundert Prozent direkt im Projekt landet.
Im Laufe der Zeit haben Giovane und seine Mitstreiter ein zusätzliches Patenschaftprogramm auf die Beine gestellt. Insgesamt 124 Kinder werden bislang von 116 Paten unterstützt. Ab 20 Euro im Monat kann man eine Patenschaft übernehmen, davon kann das Kind die Schule besuchen, sich satt essen und bekommt für sich und die Familie im Bedarfsfall medizinische Versorgung.
Persönlicher Einsatz ist Ehrensache
Wann immer er Zeit hat, kümmert Giovane Elber sich persönlich um seine Schützlinge. Er hört sich ihre Probleme und Träume an, macht Mut, prüft bauliche Mängel, spricht mit Lehrern und Ausbildern, kümmert sich, wenn es irgendwo klemmt. Und zum Abschluss eines jeden Besuchs wird natürlich mit den Kindern eine Weile gekickt. „Ein Blick in diese leuchtenden Kinderaugen, die Dankbarkeit und die Lebensfreude der Kinder zu spüren, bedeutet mir unglaublich viel“. Giovane weiß, dass er auf dem richtigen Weg ist. „Eigentlich“, gesteht er sehr bewegt, „bekomme ich von den Kindern viel mehr als ich ihnen gebe.“ Um den Kindern aus den Favelas noch lange eine Perspektive zu geben, haben Giovane und der Verein 2008 die Giovane-Elber-Stiftung gegründet. Die 60.000 Euro Anfangskapital haben sich vermehrt. Mittlerweile liegen 200.000 Euro auf dem Stiftungskonto und es soll noch mehr werden. Auch darum macht Giovane gerne weiter und hofft weiterhin auf Hilfe aus seiner zweiten Heimat Deutschland.
Auch wenn es bei der Frauem WM nicht zu Giovanes Traumfinale gekommen ist. Giovanes Sympathien für die deutsche Mannschaft und den Frauenfußball haben darunter nicht gelitten: „Ich kenne die deutschen Mädels noch aus meiner aktiven Zeit und bin ihnen verbunden“, beteuert Giovane, der selbst noch nie gegen Frauen gekickt hat. „Spielerisch gibt es keinen Unterschied, aber ich glaube, dass es im Männer-Fußball härter zur Sache geht. Vielleicht ergibt sich für mich mal eine Chance, gegen eine Frauenmannschaft zu spielen“, hofft der sympathische Ballkünstler aus Londrina. Doch so hilfsbereit und charmant er im normalen Leben auch immer ist, auf dem Platz gibt es für ihn unabhängig vom Gegner und Bedeutung des Spiels nur ein Motto: „Man muss immer Gas geben!“ Und das – so viel ist sicher – wird er auch beim Spendensammeln, wenn er wieder nach Deutschland kommt.
Weitere Infos zu Patenschaften und Spenden unter:
Spendenkonto Verein zur Förderung brasilianischer Straßenkinder e.V.
Kto.: 477774 bei der KSK Waiblingen BLZ 602 500 10
